Erster Doktoranden-Workshop

13. und 14. März 2015 – Münster, Erbdrostenhof

Von links: Philipp Erdmann (Münster), Andrea Arens (Mainz), Prof. Dr. Wilfried Reininghaus (Erster Vorsitzender der Historischen Kommission), Annika Hartmann (Münster), Thorsten Fischer (Essen), Prof. Dr. Werner Freitag (Zweiter Vorsitzender der Historische Kommission), Katharina Grannemann (Aachen), Rebecca Quick (Essen), Dörthe Gruttmann (hinten, Volontärin der Historischen Kommission), Michael Geuenich (Münster), Kristin Schulte (Dortmund), Jonas Stephan (Münster) (Foto: LWL/Beyer)

Tagungsbericht von Dörthe Gruttmann

Am 13. und 14. März 2015 fand erstmals ein von der Historischen Kommission für Westfalen initiierter Workshop für Doktoranden im Erbdrostenhof in Münster statt, die sich in ihren Arbeiten mit Themen der westfälischen Geschichte auseinandersetzen. Die Konzeption des Workshops basierte auf der Beobachtung, dass zwar an verschiedenen Universitäten zu Themen der westfälischen Geschichte geforscht wird, aber nur wenige Hochschulen über eigene Dozenten im Bereich der Landesgeschichte verfügen. So sollte Nachwuchswissenschaftlern zum einen die Möglichkeit geboten werden, ihr eigenes Promotionsprojekt vorzustellen und zu diskutieren. Zum anderen diente der Workshop dem Austausch über landesgeschichtliche Themen und der Möglichkeit zur Vernetzung untereinander. Die Historische Kommission beabsichtigt zudem, sich bei Nachwuchswissenschaftlern stärker bekannt zu machen.

Das Interesse an einem solchen Workshop war bereits im Vorfeld bemerkenswert groß. Über 50 Promotionsprojekte mit Bezug zur westfälischen Geschichte wurden ausgemacht, die epochal vielfältig sind und eine große Bandbreite an Themenbezügen aufzeigen. Dabei wurde allerdings ein weiter Westfalen-Begriff zugrunde gelegt, zudem wurden Nachbardisziplinen der Geschichtswissen- schaft wie die Kunstgeschichte, Volkskunde/Ethnologie, Architekturgeschichte, Rechtsgeschichte und Kirchengeschichte ebenfalls einbezogen.

So kamen auch die zehn Doktoranden, die ihre Arbeiten auf dem Workshop vorgestellt haben, aus unterschiedlichen Fachrichtungen. Im Vorfeld wurde weder bei der Auswahl der Vortragenden, noch bei den Vortragsinhalten Vorgaben gemacht. Trotz der damit evozierten thematischen Vielfalt ließen sich die Vorträge drei Sektionen zuordnen: erstens Personen und Netzwerke, zweitens Westfalen und seine Abgrenzung sowie drittens Stadtentwicklung und Architektur. Um die 50 Teilnehmer verfolgten die Vorträge.

Die erste Sektion über Personen und Netzwerke, deren Moderation Prof. Dr. Reininghaus übernahm, eröffnete der an der Universität Duisburg-Essen tätige Mediävist THORSTEN FISCHER. Seine Dissertation hat die „Edition und Auswertung der Necrologüberlieferung des Essener Frauernstifts im Spätmittel- alter“ zum Gegenstand. In seinem Vortrag konzentrierte sich Fischer auf das Verhältnis der Grafen von der Mark zum Essener Stift. Die Neuanlage des Necrologs um 1300, das etwa 400 Namen umfasst, entstand nach einer politischen Krisenzeit. Die Grafen von der Mark, Lehnsleute des Kölner Erzbischofs, betrieben im 13. Jahrhundert mehr und mehr eine eigene Territorialpolitik und lösten sich auf militä-rische Weise von Köln. Die veränderten politischen Kräfteverhältnisse in der Region manifestierten sich auch im Essener Stift, dessen Vogt Graf Eberhard I. von der Mark Ende des 13. Jahrhunderts wurde. Die Neuanlage des Necrologs war somit Ausdruck einer neuen Identität, eines neuen Selbstverständ- nisses und eines neuen Beziehungsgeflechts, welches das Stift mit dem Grafengeschlecht einging.

Im zweiten Vortrag stellte REBECCA QUICK, die an der Universität Duisburg-Essen im Bereich der Didaktik der Geschichte mit einem Stipendium assoziiert ist, eine biographische Einzelfallanalyse des Billerbecker Flugpioniers Josef Suwelack vor. Unter dem Titel „Josef Suwelack (1888–1915). Ein westfälisches Fliegerleben zwischen zeitgenössischer jugendlicher Technikbegeisterung und posthumer Heroisierung“ ging es Quick um Rekonstruktion und Dekonstrukion von bisher verfassten biographischen Narrationen über Josef Suwelack. Nach einem Abriss über die Lebensstationen Suwelacks, der im Ersten Weltkrieg ums Leben kam, erläuterte sie eingehend ihre Methodik und stellte den angewendeten Mythos-Begriff sowie seine Träger vor.

Die an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen ansässige Historikerin KATHARINA GRANNEMANN stellte den methodischen Zugriff zu ihrem Dissertationsthema „Das Spannungsfeld von Katholizismus und Nationalsozialismus im Märkischen Sauerland“ in den Vordergrund ihrer Ausführungen. Um zu rekonstruieren, wie sich das katholische Milieu im Sauerland konstituierte, in welchen Netzwerken die katholische Bevölkerung agierte, welche Handlungsspielräume sich im Nationalsozialismus boten und welchen Einfluss lokale Autoritäten nahmen, bedient sie sich gleich mehrerer Ansätze. Neben der Erläuterung des gewählten Milieubegriffs, sind für Grannemann die Netzwerkanalyse, die Biographische Methode und Ansätze aus der Historischen Semantik ergänzend zur Untersuchung von Netzwerken und den in ihnen agierenden Akteuren von Bedeutung.

Die letzten beiden Vorträge der ersten Sektion gehörten thematisch zusammen. Das von der Stadt Münster seit Sommer 2014 finanziell geförderte Projekt „Die Stadtverwaltung Münster in der NS-Zeit“ wird von ANNIKA HARTMANN und PHILIPP ERDMANN bearbeitet. Die Teilprojekte sind zeitlich aufgeteilt, wobei Hartmann den Zeitabschnitt vom Ende der Weimarer Republik bis 1939 untersucht und Erdmann den Zweiten Weltkrieg sowie die Nachkriegszeit. Nach einer kurzen Projektvorstellung stellte Hartmann erste Ergebnisse ihrer bisherigen Forschungen in den Mittelpunkt ihres Vortrags, wobei sie zunächst das Standesamt, das Hochbauamt sowie die Bauverwaltung analysiert hat. Auffällig erschien ihr, dass weniger als ein Prozent der in der Stadtverwaltung Münster Tätigen nach 1933 aus politischen Gründen entlassen wurden. Allerdings sind Versetzungen auszumachen und mit Blick auf die getätigten Beförderungen festzustellen, dass Parteimitgliedern und „Systemkonformen“  ein schnellerer Aufstieg gewährt wurde. Dass auch nach 1933 Personen bei der Stadtverwaltung eingestellt wurden, die als „nicht systemkonform“ galten, hängt damit zusammen, dass diese die fachliche berufliche Qualifikation besaßen und keine Alternativen vorhanden waren. Erdmann ging in seinem Beitrag der Frage nach, was sich aus der Bewältigung der Kriegs- und Nachkriegsaufgaben über den Umgang der Stadtverwaltung mit gesellschaftlichen Teilgruppen, insbesondere mit Außenseitern, aussagen lässt. Als erstes Fallbeispiel führte er die Gruppe der Sinti und Roma an, die vor 1945 als ein „zu beseitigendes Problem“ betrachtet wurden, aber auch nach 1945 in der Stadt Münster nicht willkommen waren. Beim zweiten Beispiel, den Zwangsarbeitern, stellte das Ende des Zweiten Weltkriegs eine Zäsur in Bezug auf die Behandlung dieser dar. So wurden „displaced persons“ nach 1945 bevorzugt behandelt. Zwar ist schon anhand dieser Gruppen ein unterschiedlicher Umgang mit Außenseitern zu konstatieren, doch ist nicht abschließend erkennbar, wer alles als zur Gruppe der „Außenseiter“ gerechnet wurde.

Die zweite Sektion (Westfalen und seine Abgrenzung) unter der Moderation von Prof. Dr. Werner Freitag begann mit der Vorstellung eines beim Rechtshistorischen Institut der Universität Münster geführten Dissertationsprojekts von JONAS STEPHAN. Er beschäftigt sich mit dem Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis zum Zeitpunkt des Spanischen Erbfolgekriegs (1701–1714). Bei den Reichskreisen kann man, wie Stephan erläuterte, im Grunde nicht von einem geographisch umrissenen Gebiet, sondern eher von einem Personenverband sprechen, dessen zentrale Aufgabe die Sicherung des Landfriedens war – ohne allerdings ein effektives Verfahren zur Bestrafung besessen zu haben. Die Reichskreisforschung, die an der Schnittstelle zwischen Landes- und Reichsgeschichte arbeitet, hat den Westfälischen Kreis bisher entweder ignoriert oder sich in der Wiederholung alter Urteile hervorgetan. Neben Kreisabschieden und der Reichspublizistik sind die Korrespondenz zwischen den Kreisen und den Personenbünden, die die Kreise dominierten (das Direktorium) in den Blick zu nehmen. Einige von Stephan behandelte Fragen sind institutioneller Art, zum Beispiel wie die Versammlungen abliefen und wie zwischen den Ständen kommuniziert wurde.

Der am Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie in Münster ansässige MICHAEL GEUENICH untersucht in seiner Dissertation Familienbilder und Alltagspraxen des privaten Familienfilms aus den 1950er bis 1980er-Jahren. Dabei stützt er sich auf einen Filmbestand des LWL-Medienzentrums. Ergänzend zur Untersuchung des Filmmaterials führt Geuenich Interviews, durch die die Praxis und die Praktiken des Filmens im Alltag dekonstruiert werden sollen. Ein Zwischenergebnis, das Geuenich als These formulierte – und dies ist unabhängig vom regionalen Kontext – ist, dass sich Bilder in den Filmen über den Untersuchungszeitraum wandeln, jedoch nicht zeitgleich mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen bzw. mit öffentlichen Einstellungen.

Die dritte Sektion (Stadtentwicklung und Architektur), moderiert von Dr. Burkhard Beyer, leitete die Kunsthistorikerin ANDREA ARENS ein. Ihr Dissertationsprojekt (betreut an der Universität Mainz) beschäftigt sich mit der städtebaulichen Entwicklung Olpes zwischen 1880 und 1930. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderte sich die nach dem Stadtbrand 1795 neu errichtete Stadt Olpe nur wenig. Rathaus, Hospital, Volksschule am Marktplatz und das Mutterhaus der Franziskanerinnen waren die einzigen großen Neubauten dieser Zeit. Ab den späten 1880er-Jahren setzte jedoch ein Bauboom ein und neue Straßenzüge entstanden. Sie lassen eine gezielte Bauordnung mit Villen, Geschäftsstraßen, Verwaltungsgebäuden und der Ansiedlung von Fabriken und Unternehmen erkennen. Neben den Gebäuden wurde der Blick auch auf Architekten und auf Auftraggeber gerichtet. Erwähnung fanden unter anderem der Iserlohner Architekt Otto Leppin und der Kreiskommunal- baumeister Robert Rinscheid, die beide wesentlichen Einfluss auf das städtebauliche Erscheinungsbild nahmen.

KRISTIN SCHULTE beschäftigt sich in ihrer Dissertation im Bereich der Architekturgeschichte (betreut an der TU Dortmund) mit dem stilistischen Erscheinungsbild des Industriebaus während des Nationalsozialismus. Am Beispiel der Städte Essen, Bochum, Gelsenkirchen und Dortmund werden Zechen, Bauten der Metallverarbeitung und Treibstoffherstellung sowie Kraftwerke analysiert. Das Ruhrgebiet als Kulminationspunkt industrieller Entwicklungen bietet sich für sie als Untersuchungsgebiet an, zumal es bisher keine größeren Arbeiten zur Industriearchitektur für diesen Zeitraum gibt. Schulte widmete sich fünf Beispielen unterschiedlicher Stilbauten, wobei sie den Bochumer Verein als einzigen Betrieb aufführte, der einen eigenen Stil für seine Bauten entwickelte.

Zum Schluss stellte der Münsteraner Architekt STEFAN RETHFELD seine Dissertation über den Architekten Harald Deilmann (1920–2008) vor und verbindet damit methodisch Biographie mit Architekturge- schichte. Als Quellenbasis dienen ihm dabei der Nachlass Deilmanns als auch die von diesem errichteten Bauten. Für den in Gladbeck geborenen, später in Münster lebendenden und arbeitenden Deilmann war Westfalen seine Heimat. Viele seiner privaten und öffentlichen Bauten prägen bis heute die Ortsbilder der jeweiligen kleinen und mittleren Städte Westfalens. Bei den von Deilmann errichteten Banken, Rathäusern, Schulen oder Wohnungsbauten intendiert Rethfeld u. a. die Beantwortung der Fragen, wie diese Bauten in Westfalen einzuordnen sind, wie sie rezipiert wurden und welchen Stellenwert sie heute besitzen.

Die Abschlussdiskussion wurde genutzt, um das Format des Workshops noch einmal zu reflektieren. Die Teilnehmer waren sich einig, dass ein solcher Doktoranden-Workshop wiederholt werden sollte, da er nicht nur zur Vorstellung eigener Projekte diene, sondern auch dem Kennenlernen von Kollegen. Auch sei die Interdisziplinarität beizubehalten, da andere Denkweisen die Diskussion befruchten würden, jedoch sollte die Diskussionszeit ausgeweitet werden. Kontrovers wurde die inhaltliche Ausrichtung der Vorträge diskutiert. Der Vorschlag, bei einer Folgeveranstaltung auch bereits Promovierte einzuladen und um Erfahrungsberichte zu bitten, wurde positiv aufgenommen. Insgesamt ist das Veranstaltungsformat als Erfolg zu bewerten, das künftig in regelmäßigen Abständen von der Historischen Kommission durchgeführt werden soll.

In seinem Schlusswort stellte Prof. Dr. Reininghaus noch einmal heraus, dass die vorgestellten Arbeiten der Doktoranden eine Bereicherung für die Arbeit der Historischen Kommission darstellen. Der Workshop schloss mit einer Führung durch die landesgeschichtliche Sammlung des LWL-Museums für Kunst und Kultur ab, die Dr. Gerd Dethlefs übernahm.

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