Dritter Doktoranden-Workshop

28. und 29. März 2019 – Münster, Räume der Bezirksregierung

Von links: Wolf Tilmann Marek, Lasse Stodollick, Lotte Kosthorst, Henning Bovenkerk, David Rüschenschmidt, Christian Steinmeier, Kertin Koopmann, Sarah Masiak, Christina Schröder, Dr. Katrin Jaspers, Daniel Sobanski, Jun.-Prof. Dr. Christine Fertig, Matthias Opitz, Jun.-Prof. Dr. Eva-Maria Roelevink, David Merschjohann, Dr. Thomas Tippach, Dr. Lena Krull, Dr. Mechtild Black-Veldtrup, Prof. Dr. Werner Freitag, Stefanie Haupt

Tagungsbericht von Dr. Katrin Jaspers
 

Nach zwei erfolgreichen, von der Historischen Kommission für Westfalen organisierten Vorgängerveranstaltungen zog es abermals 50 Interessierte in die Räume der Bezirksregierung Münster. Auch in diesem Jahr wurden zwölf zeitlich und thematisch sehr unterschiedlich einzuordnende Dissertationsprojekte von Doktorandinnen und Doktoranden unterschiedlichster Fachrichtungen präsentiert, die an Universitäten in ganz Westfalen sowie darüber hinaus angesiedelt sind. Landesgeschichtliche Themen gehören an vielen Universitäten eher zu den randständigen Forschungsfeldern, und der Workshop bietet NachwuchsforscherInnen einen überuniversitären Erfahrungsaustausch. Eine Neuheit im diesjährigen Programm war die wissenschaftliche Posterausstellung, in der mehrere Promovierende ihre Arbeiten in bildlicher Form präsentieren konnten.

Nach einer Einführung von Dr. Mechthild Black-Veldtrup (Münster), der ersten Vorsitzenden der Historischen Kommission, eröffnete Jun.-Prof. Dr. Christine Fertig (Münster) die erste Sektion zum Thema „Identitäten“. CHRISTINA SCHRÖDER (Bochum) informierte die ZuhörerInnen zunächst über den weiblichen Körper als Objekt politisch-dynastischer Verhandlungen. Am Beispiel der vermuteten Schwangerschaft der Witwe Fürstin Leopoldine von Nassau-Siegen im Jahr 1735 wurde das aktive Eingreifen des Herzogtums Westfalen zur Bestätigung dieser Schwangerschaft mit dem Ziel der Sicherung der katholischen Herrschaft in Nassau-Siegen geschildert. Im Anschluss erfuhr das Auditorium von MATTHIAS OPITZ (Siegen) mehr über die regionale Erinnerungskultur von Flüchtlingen und Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs, ausländischen ArbeitnehmerInnen und (Spät)AussiedlerInnen im Siegerland nach 1945. Ein wichtiger Teil dieser Untersuchung ist die empirische Arbeit mit beteiligten und betroffenen Personen sowie die Aufarbeitung des historischen Migrationsgeschehens.

Unter dem Motto „Unterwegs“ stand die zweite Sektion, moderiert von Dr. Thomas Tippach (Münster). Hier beleuchtete ELISABETH KISKER (Hagen) die Herausbildung und Bedeutung der westfälischen Kartographie vom 15. bis zum 17. Jahrhundert, um herauszufinden, weshalb „ihre Zeit“ als Kommunikations- und Visualisierungshilfe plötzlich gekommen war. Für denselben Zeitraum ging LOTTE KOSTHORST (Mainz) über die Grenzen Westfalens hinaus. Sie zeichnete den Weg westfälischer Medizin- und Jurastudenten auf ihren Studienreisen an italienische Universitäten nach und kam zu dem Schluss, dass längst nicht alle Studenten auch zum Studium nach Italien kamen. Viele von ihnen seien stattdessen auf Kavaliersreisen unterwegs gewesen.

Die dritte Sektion behandelte den weitgreifenden Begriff der „Wirtschaft" und wurde von Jun.-Prof. Dr. Eva-Maria Roelevink (Mainz) geleitet. Sie führte die TeilnehmerInnen vom ländlichen, vorindustriellen Westfalen hin zum Westfalen der Industrialisierung. HENNING BOVENKERK (Münster) referierte über die Konsumrevolution des 16. bis frühen 19. Jahrhunderts am Beispiel von Nachlassverzeichnissen aus den Orten Burgsteinfurt, Flaesheim, Freckenhorst, Lippborg, Münster, Quernheim und Sassenberg. Zeitlich schloss sich daran DANIEL SOBANSKIs (Bochum) Dissertationsprojekt an, in dem er die Versorgung der Ruhrindustrie mit Eisenerz im 19. Jahrhundert behandelte. Er richtete seinen Fokus neben dem Faktor Rohstoff auf die Faktoren Technologie, Infrastruktur und Tradition. Hierbei zeigte ein genauer Blick auf räumliche Relationen, dass Entwicklungskeime, die geografisch außerhalb des „eigentlichen Ruhrgebiets“ liegen, mit einem Teilrevier des Ruhrgebiets einen Rohstoffraum bilden.

Die Sektion „Verwaltung“ wurde von Prof. Dr. Werner Freitag (Münster) moderiert. Drei sehr unterschiedliche, einen Bogen vom Hochmittelalter in die Moderne schlagende Promotionsprojekte standen hier zur Diskussion. Den Anfang machte KERSTIN KOOPMANN (Trier), die über das Mindener Stadtrecht vom 13. bis 16. Jahrhundert berichtete. Hauptquellen für diese Forschungsarbeit sind die überlieferten Mindener Stadtbücher von 1318, 1376, 1527 sowie 1613. Eine Edition des letztgenannten soll der Dissertation als Anhang beigefügt werden. Im Anschluss behandelte LASSE STODOLLICK (Konstanz) die Organisationsstrukturen und Wissenspraktiken der frühneuzeitlichen Verwaltung. Am Beispiel statistischer Datenerhebungen in den preußischen Kammerverwaltungen in Ostfriesland und Minden-Ravensberg schlug er vor, einige theoretische Grundannahmen zu revidieren und den Fokus auf Strukturbildung zu richten, Begriffe des Gedächtnisses und des Systembewusstseins in die Diskussion einzubringen und Statistik in ihren Sekundärfunktionen zu beobachten. In der Neuzeit angekommen, erfuhren die TeilnehmerInnen des Workshops von DAVID MERSCHJOHANN (Paderborn) mehr über die kommunale Gebietsreform der 1960/70er-Jahre in Ostwestfalen-Lippe anhand der Städte Detmold, Höxter, Preußisch Oldendorf, Paderborn, Warburg sowie der Gemeinde Hille. Er untersuchte, ob vor allem finanzstarke Gemeinden mit vorhandenen Verwaltungen kleinere Zusammenschlüsse anstrebten und konträr zu den Neugliederungsvorschlägen von Ministerialbürokratie und dem Landtag standen, und ob politischer Protest in Form von Eingaben oder Unterschriftenlisten vor allem dort zu beobachten war, wo Alternativvorschläge ausgearbeitet wurden.

Die fünfte Sektion „Religion und Mythos“ wurde von Dr. Lena Krull (Münster) moderiert. WOLF TILMANN MAREK (Münster) stellte seine Dissertation zum Thema der Revision der Unionsagende Friedrich Wilhelms III. in Westfalen um die Mitte des 19. Jahrhunderts vor. Das Projekt widmet sich der bis heute unerforschten Frage, wie die westfälischen Gemeinden nach der Einführung dieser Agende mit ihr umgegangen sind. Ziel ist es, diese Frage flächendeckend für die westfälische Provinzialkirche zu beantworten. Den Schwerpunkt der Arbeit bildet dabei die Revision der preußischen Agende, die die Westfälische Provinzialsynode in den 1850er-Jahren in Auftrag gegeben hatte.

In seinem Vortrag über die „Königin der Instrumente“ stellte CHRISTIAN STEINMEIER (Dortmund) unter anderem die Frage, was eine Orgel zu einem Denkmal macht. Die Antwort und Einblicke in die Orgeldenkmalpflege in Westfalen-Lippe lieferte er den Work-shopteilnehmerInnen unter drei Gesichtspunkten: Entwicklung, Positionen und Bewertung der Orgeldenkmalpflege. Mit dem letzten Beitrag gestaltete STEFANIE HAUPT (Bielefeld) einen spannenden Abschluss des Workshops. Sie setzt sich in ihrem Promotionsprojekt mit den Debatten über eine vor- und frühgeschichtlichen Astronomie im Deutschland der Zwischenkriegszeit auseinander. Dabei stößt sie während ihrer Recherche nicht nur auf Unterstützung, sondern auch auf Vorurteile und Widerstand.

In der Abschlussdiskussion zogen alle Anwesenden ein positives Fazit; gelobt wurden die offene, entspannte Atmosphäre des Workshops und die allgemeine Diskussionsbereitschaft. Alle Referentinnen und Referenten bestätigten, die Veranstaltung mit neuen Hinweisen und Ideen zu ihren Promotionsprojekten zu verlassen. Es wurde wieder einmal deutlich, dass der Bedarf an wissenschaftlichem Austausch zwischen Nachwuchsforscherinnen und -forschern untereinander und mit bereits etablierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besonders mit landesgeschichtlichem Forschungsschwerpunkt noch lange nicht gedeckt ist. Einhellig wurde befunden, dass eine vierte Auflage des Workshops für DoktorandInnen zur Geschichte Westfalens in zwei Jahren überaus wichtig ist.

Den Abschluss des zweiten Workshoptages bildete eine Führung von Dr. Katrin Jaspers durch den Zwinger in Münster.

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