Workshop – „Weiter wie gehabt? Die Zukunft unserer biographischen Schriftenreihen“

24. Oktober 2014 – Dortmund IHK

Die Diskussionsrunde der Tagung (Foto: LWL/Beyer).

Tagungsbericht von Wilfried Reininghaus

Am 24. Oktober 2014 veranstalteten die Historische Kommission für Westfalen sowie die Stiftungen Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv Köln und Westfälisches Wirtschaftsarchiv Dortmund in Dortmund einen gemeinsamen Workshop über die Zukunft ihrer biographischen Schriftenreihen. Unter der Fragestellung „Weiter wie gehabt?“ diskutierten die einladenden Institutionen mit Gästen, wie die „Westfälischen Lebensbilder“ (WLB) und „Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsbiographien“ (RWWB) weitergeführt werden können. Wilfried Reininghaus (Historische Kommission) wies einleitend auf die paradoxe Situation hin, dass Biographien in jüngerer Zeit an Popularität zugenommen haben, es jedoch immer schwerer falle, für regionale Sammelbiographien Autoren zu finden. Es stelle sich die Frage, ob dies allein an Wikipedia und anderen Internet-Angeboten zu Personen liege. Bevor die Anwesenden in die Diskussion einstiegen, dankte Reininghaus anlässlich des Workshops Friedrich Gerhard Hohmann (Paderborn) für seine langjährigen Bemühungen um die WLB, die er seit dem Jahr 2000 herausgibt.

In einem Impulsreferat führte Thomas Etzemüller (München/Oldenburg) in die Biographieforschung ein (Vgl. Thomas Etzemüller, Biographien. Lesen – erforschen – erzählen, Frankfurt/New York 2012). Er zeigte an vier Feldern auf, wer wie Biographien schreibt. (1.) Die Autoren von Biographien schließen laut Etzemüller einen biographischen Pakt mit dem Leser, der bestimmte Erwartungen hege. (2.) Es gibt unterschiedliche Biographie-Typen. Etzemüller unterschied das Genre der Helden, der Opfer, der Künstler, der Wissenschaftler usw. Selbst biographische „Kleinformen“, angefangen vom Bewerbungs-schreiben, zählen für ihn zu Biographien. Ebenfalls nicht festgelegt ist die Menge der dargestellten Menschen, die von einer einzelnen biographierten Person bis zur Behandlung von Kollektivs reichen kann. (3.) Die Möglichkeiten der Biographie hängen von den Quellen ab, die zur Verfügung stehen – ohne einen Nachlass könne kaum eine Biographie geschrieben werden. Etzemüller warnte allerdings vor den Tücken des oft manipulierten Erbes und bedauerte, dass sich Archive auf das Erschließen und Verzeichnen beschränkten. Zu selten würden sie die Vorgeschichte der Nachlässe offenlegen. (4.) Abschließend fragte Etzemüller nach den Rechten der „Biographierten“? Seiner Einschätzung nach seien deren Rechte gering, denn die Biographen besäßen die Übermacht, auch wenn sie an das Vetorecht der Quellen gebunden seien. In der anschließenden Diskussion verteidigten die zahlreich anwesenden Vertreter der Archive deren Rolle. Sie dokumentieren in der Regel zwar eine detaillierte Bestands-geschichte, können sie aus nachvollziehbaren Gründen aber nicht immer Benutzern zur Verfügung stellen. Philippi Koch (Minden) verwies auf den materiellen Nachlass (z.B. Möbel), der oft wichtige Erkenntnisquellen bereithalte.

Ulrich Soénius (Köln) führte in die Geschichte der RWWB ein, die auf Planungen von Matthieu Schwann zurückgeht. Nach dem Ersten Weltkrieg führte Walter Däbritz die Überlegungen fort, u.a. weil die „Allgemeine Deutsche Biographie“ nur wenig Material für die Geschichte von Unternehmern bereithielt. Die ersten elf Bände waren abgesehen von W. Serlos Band über Bergmannsfamilien nicht thematisch geordnet. Mit Band 12 und 13 (zu Köln) erschienen orts-, regionen- und themenbezogene Bände, von denen Bd. 14 zu Bielefeld große Nachfrage fand und von J. Kocka und R. Vogelsang eng mit der Bürgertumsforschung verbunden war. Bd. 19 zu Aachener Unternehmer ist im Druck. Soénius verschwieg nicht Misserfolge. So sind die beiden geplanten Bände über jüdische Unternehmer und Bankiers nicht zustande gekommen.

Karl-Peter Ellerbrock (Dortmund) registrierte das nachlassende Tempo der RWWB und hielt es für notwendig, in einem schwieriger werdenden Umfeld systematisch und konzeptionell neue Wege zu beschreiten. Er stellte drei neue mögliche Projekte zu Handwerkern, Brauerei-Unternehmern und Unternehmern am Fluss vor. Lisa Maubach (LWL-Freilichtmuseum Hagen) ergänzte zu den Handwerker-Biographien, dass diese von ihrem Berufsfeld her definiert und durch Sachobjekte ergänzt werden müssen. In jedem Fall, so Ellerbrock und Maubach, müssen Biographien in den Kontext der regionalen Wirtschaftsgeschichte eingebettet werden. In der Diskussion wurde deutlich, dass die Einbeziehung von Handwerkern und ihren Familien das Feld der möglichen Biographien öffnet und nicht mehr nur die oberen sozialen Schichten in den Fokus nimmt (so Stefan Przygodda, Bochum).

Dörthe Gruttmann (Münster) stellte die Anfänge der WLB seit 1930 vor. Wie bei anderen Historischen Kommissionen in Deutschland stand das Vorhaben auch in Westfalen früh auf der Agenda. Ergänzend war anfänglich ein biographisches Lexikon „aller Stände“ geplant, das aber nicht zustande kam. Die WLB sollten sich auf Personen konzentrieren, die Bedeutendes für Westfalen geleistet haben. Die Form des biographischen Essays ohne Fußnoten wurde bisher beibehalten. Darüber, dass sich dies ändern müsse, bestand in der Diskussion kein Zweifel. Scheinbar revolutionär war Band 12 zu Frauen, der jedoch auf die höheren Klassen und Stände konzentriert war. Besonders erfolgreich – aber nicht unumstritten – war Bd. 17, der Hitler-Gegner und Befürworter in Westfalen zusammenbrachte. Ausgehend vom Bildungsideal der Anfangszeit müsse die Frage nach der Zielgruppe der WLB neu gestellt werden. Darauf drang auch Mechthild Black-Veldtrup (Münster) in der Dis-kussion und verband dies mit der Frage nach dem Stil und der Auflagenhöhe.

Marcus Weidner (Münster) beschrieb in seinem Beitrag das Verhältnis von „Biographien und Neuen Medien“. Er verwies darauf, dass Enzyklopädien nur noch online vermittel- und finanzierbar seien. Regionalbiographien stehen aber nicht nur unter finanziellem Druck, sondern begegneten auch einer veränderten Erwartungshaltung. Ohne in ein „Wikipedia bashing“ zu verfallen, betonte Weidner, dass qualitativ hochwertige Biographien weiterhin notwendig seien und die Forderungen, verständlich zu schreiben, für alle Biographie-Typen gelten. Anschließend stellte er Typen und Bei-spiele digitaler Biographien vor. Die Sächsische Biographie sei ein Idealtypus, von den 11.000 vorgesehenen Personen seien bisher zwölf Prozent  realisiert. Die von ihm selbst betreute Rubrik „Menschen in der Westfä-lischen Geschichte/Westfälische Biografie online“ sei ein Mischtyp, weil es kein Personenlexikon sei; erfasst seien zurzeit 1.800 Personen. Ein Grenztyp stelle das Personendaten-Repertorium der Berlin-Brandenburger Akademie der Wissenschaften dar. Zielsetzung sei der Aufbau einer digitalen Infrastruktur für wissenschaftliche Informationen, die für eine Vielzahl von biographischen Korpora offen sei. Weidner führte am Beispiel des Freiherrn vom und zum Stein den Nutzen solcher Netzwerke vor. Notwendig sei aber, Normdaten zu standardisieren. Weidners Fazit lautete: Die digitale Revolution hat neuen Schwung in die Biographik gebracht.

Die lebhafte Diskussion zu Weidners Vortrag führte vor Augen, dass bereits der erste Zugriff auf biographische Informationen über das Internet erfolge. Zugleich bestand jedoch weitgehende Einigkeit darüber, dass das Internet mehr Chancen als Risiken berge. Offen blieb, ob und wie lange aber die Frage, wer sich künftig um die Pflege und die unverzichtbaren Aktualisierungen der im Internet publizierten Biographien kümmern soll. Ebenfalls zu keinem übereinstimmenden Ergebnis kamen die Anwesenden, ob und wie lange Biographien hybrid – gedruckt und online – publiziert werden sollen. Über die mögliche Rolle der Historischen Kommission in dieser Konstellation wurden verschiedene Ansichten deutlich.

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