Amtsbücher als Quellen der landesgeschichtlichen Forschung

Workshop der Historischen Kommission für Westfalen, des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen und des LWL-Archivamts für Westfalen am 13. Oktober 2011 in Münster,

Tagungsbericht von Eleonora Duplica

Der am 13. Oktober von der Historischen Kommission für Westfalen, dem Landesarchiv Nordrhein-Westfalen und dem LWL-Archivamt für Westfalen veranstaltete Workshop widmete sich der Archivaliengattung „Amtsbuch“. Die rege Diskussion der zahlreich aus ganz Deutschland angereisten Teilnehmer zeugte von großem Interesse an dieser bedeutenden landeskundlichen Quelle, aber auch von teilweise noch fehlenden Grundlagen zu ihrer Erforschung. Die Beiträge richteten sich schwerpunktmäßig auf die Erschließungstiefe, Auswertungspotentiale und mögliche Benutzungsvorteile durch Digitalisie­rungen.

In ihrer Begrüßung und Einführung in die Tagung wiesen Wilfried Reininghaus, 1. Vorsitzender der Historischen Kommission für Westfalen, zugleich Präsident des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, und Marcus Stumpf, Leiter des LWL-Archivamts für Westfalen, auf die unterschiedlichen Zugänge auf Amtsbücher durch Historiker und Archivare sowie auf die veränderten Erwartungen der – potenziellen – Archivbenutzer im digitalen Zeitalter hin.

Den Workshop leitete Stefan Pätzold (Bochum) mit seinem Vortrag „Zwischen archivarischer Praxis und kulturgeschichtlichem Paradigma: Jüngere Ansätze der Amtsbuchforschung“ ein. Er gab einen kritischen Überblick über die Überlieferungsvielfalt von Amtsbüchern, problematisierte sowohl den Begriff als auch die Definition „Amtsbuch“ und sprach sich dafür aus, auch buchförmiges Verwaltungsschriftgut kaufmännischer und privater Herkunft zu dieser Archivaliengattung zu zählen. Zur Erschließung stellte er einen 11?Punkte-Katalog vor. Er empfahl auch im Zuge der flachen Erschließung Angaben zur Provenienz, Klassifikation und Laufzeit aufzunehmen. Für jüngere Forschungsansätze verwies Pätzold auf Andreas Petter, der mit einem kulturgeschichtlichen Ansatz Stadtbücher als Teil des kulturellen Gedächtnisses ausleuchtet und sie als „archivgleiche“ Objekte beschreibt. Obschon Petters Ansatz hinsichtlich der Entstehung und des Überrestcharakters sowie der Überlieferung und „Erinnerungsspeicher“-Funktion die Stadtbuchforschung befruchte, bleibe eine sachgemäße Untersuchung der Stadtbücher unabdingbar. Nur in dieser Verbindung, betonte Pätzold, sei dem kulturhistorischen Ansatz eine große Bedeutung beizumessen. Kritisch bewerte Pätzold hingegen Petters verkürzte Darstellung; er habe lediglich Stadtbücher thematisiert und nicht Amtsbücher in Gänze auf seine Fragestellung hin untersucht.

In seinem Vortrag „Städtische Amtsbücher in Archiven: Möglichkeiten und Grenzen der Erschließung bei knappen Ressourcen“ stellte Henning Steinführer (Braunschweig) einen praktischen Zugang zur Stadtbuchproblematik aus der Arbeit des Braunschweiger Stadtarchivs vor, um einen möglichen Kanon über Verzeichnungsvereinbarungen anzuregen. Er machte darauf aufmerksam, dass es – trotz ihrer Bedeutung für die Städteforschung – keine adäquate Auseinandersetzung mit Stadtbüchern gebe, diese zudem nur gering erschlossen bzw. ediert seien. Am Beispiel der Stadtbücher des Braunschweiger Bestandes „Altes Ratsarchiv“ veranschaulichte Steinführer die aus der flachen und pertinenzmäßigen Erschließung resultierenden Probleme: die aus ihren Entstehungszusammenhängen der fünf Braunschweiger Weichbildräte herausgerissenen Stadtbücher böten den Benutzern bei bloßer Titelaufnahme keine Einschätzung zum Inhalt oder Auswertungsmöglichkeiten. Steinführer zeigte anhand seines Entwurfs einer fünfschrittigen Erschließung die veränderten Erschließungsperspektiven des Archivs auf. Große Bedeutung maß er sowohl den beschreibenden als auch strukturierenden Angaben über Entstehung, Aufbau und Inhalt der Bücher bei, die stets durch Abbildungen bereichert werden sollten. Eine Regestierung und Indizierung sei für ausgewählte Stadtbücher angedacht, während sich integrale Editionen für stadtgeschichtlich bedeutende Bücher anböten.

Nicolas Rügge (Osnabrück) gab mit seinem Vortrag „Zur landesherrlichen Amtsbuch- und insbesondere Protokollüberlieferung (Regierungs-, Amts- und Gerichtsprotokolle) in Osnabrück und Lippe“ am Beispiel eines geistlichen und eines weltlichen Territoriums einen Überblick zur Typologie und Auswertbarkeit landesherrlicher Amtsbücher. Rügge problematisierte die quellenkundlichen Besonderheiten landesherrlicher Amtsbücher wie die meist späte Entstehung oder die typische Serienbindung und ?spaltung. Als Schwerpunkte der archivischen Überlieferung benannte er Lehnbücher, Sal- und Lagerbücher, Amtsrechnungen, Regierungsprotokolle sowie Amts- und Gerichtsprotokolle. Diese Amtsbuchtypen hat Rügge hinsichtlich ihres landesherrlichen Charakters untersucht und ferner Bestands- und Auswertungsspezifika dargelegt. So seien etwa die Amts- und Berichtsprotokolle der freiwilligen Gerichtsbarkeit in Lippe, wie Eheprotokolle, von der Forschung bisher kaum berücksichtigt worden, obschon eine Erschließung durch Namensregister bereits vorliege. Rügge befürwortete Auswertungserleichterungen für Nutzer in Form von Glossaren, Inhaltsverzeichnissen, Regesten oder Editionen. Dadurch könnte die Erforschung der Amtsbücher als einer Quelle für territoriale Machtverdichtung und Landesbildung angeregt werden.

Stefan Gorißen (Bielefeld) referierte über „Südwestfälische kaufmännische Rechnungsbücher aus vorindustrieller Zeit“, wobei er seinen Blick aus landesgeschichtlicher Sicht auf die „Formen, Funktionen [und] Auswertungsperspektiven“ richtete. Die vorindustrielle Wirtschaftslandschaft in Westfalen charakterisierte Gorißen als überregional, nicht selten überseeisch ausgerichtet. Zur Erforschung der Entwicklung dieser Wirtschaftsräume habe die Forschung bisher vor allem die amtlichen Gewerbestatistiken herangezogen. Aussagen über Gewerbebetätigungen, die über den administrativen Raum hinausgreifen, seien auf dieser Basis jedoch nicht möglich. Gorißen plädierte für die ergänzende Auswertung von Quellen kaufmännischer bzw. unternehmerischer Provenienz wie Rechnungsbücher. Dieser Ansatz erlaube es, die in den Statistiken nicht erfassten Regionen sowie Wirtschaftsakteure in den Blick zu nehmen. Gorißen zeigte die Auswertungsperspektiven für Rechnungsbücher aus dem Bereich des Eisen und Stahl verarbeitenden Gewerbes (wie z.B. von Hütten- und Hammerbüchern) in der Grafschaft Mark und dem Herzogtum Westfalen auf. Exemplarisch verwies er auf die Wechselkopierbücher des Iserlohner Handelshauses „Johannes Rupe Wwe. & Co“ und stelle ein Projekt zum Zahlungsverkehr des Handelshauses vor. Die Wechselkopierbücher seien wenig erforscht worden, ermöglichten aufgrund ihrer hohen Referentialität zu meist verloren gegangenen Rechnungsbüchern anderer Handelshäuser eine Netzwerkanalyse.

In seinem Vortrag „Der ,Liber conventus Richlinghusani’: Archivische, methodische und regionalgeschichtliche Erkenntnisse aus einem franziskanischen Amtsbuch des 18. Jahrhunderts“ stellte Matthias Kordes (Recklinghausen) mögliche Spezifika franziskanischer Amtsbuchführung zur Diskussion. Kordes zeigte die „materiegetrennte“ Struktur des 1704 angelegten Recklinghäuser Konventsbuchs (Mischbuch) auf, das von der nur gering institutionalisierten Verwaltungspraktik des Konvents Zeugnis ablege. Der von den Franziskaner-Oberservanten als administratives Hauptbuch geführte „Liber conventus“ – in das alles für den Konvent Denk- und Sicherungswürdige dauerhaft festgehalten werden sollte – fungierte gleichsam als Gedächtnis des Klosters. Die Umstände der Kloster­gründung (1642) wurden in Form einer Chronik aufgezeichnet. In die „Memorabilia“ wurden zudem das Kloster betreffende Urkunden und Briefe abschriftlich eingetragen. An der jährlich vorgenommenen, standardisierten Rechnungslegung veranschaulichte Kordes den pragmatischen Charakter des Amtsbuchs. Er erörterte, ob die schlichte Form auf den franziskanischen „usus pauper“ zurückzuführen sei. Der schmucklos belassene Informationsträger sowie die innere Knappheit der Einträge scheine dem franziskanischen Selbstverständnis Rechnung zu tragen. Aussagen zur Schriftgutverwaltung des Konvents im Allgemeinen würden jedoch durch die fehlende Überlieferung von originären Urkunden, Akten oder Briefen erschwert.

Christian Speer (Halle (Saale)) trug in seinem Vortrag „Der ,Index Librorum Civitatum’ (Verzeichnis der Stadtbücher des Mittelalters und der Frühen Neuzeit) als Instrument der historischen Grundlagenforschung“ die Ziele und Herangehensweisen des hallischen Projekts zur Amtsbuchdokumentation vor. Er bezeichnete den ILC als Forschungsinstrument, das die bis zum Jahr 1800 nachweisbaren Stadtbücher der „neuen Bundesländer“ in einer frei zugänglichen Online-Datenbank erfasst. Speer präsentierte die bereits realisierten Recherchemöglichkeiten. Benutzern stünde ein Zugriff nach verschiedenen Suchkriterien wie Städten, Regionen oder Stadtbuchtypen zur Verfügung. Große Auswertungspotenziale sprach er der Erforschung der teilweise sehr reichen Stadtbuchüberlieferung kleinerer Kommunen zu. Obschon das mannigfaltige Verwaltungsschriftgut einen ergiebigen Einblick in soziale Gefüge kleinstädtischer Administration erlaube, sei dieses Material bisher kaum bekannt. Speer machte überdies darauf aufmerksam, dass die Nichtbeachtung klein­städtischer Überlieferungen durch die Stadtbuchfor­schung zu verzerrten Forschungser­gebnissen geführt habe. Eine Pilotstudie solle an Stadtbüchern der Oberlausitz u.a. vertiefende inhaltliche Fragen zu Formen, Gebrauch und Trägern administrativen Schriftguts klären und zudem die Potentiale der Datenbank für vergleichende Untersuchungen beleuchten.

Abschließend berichtete Marcus Stumpf (Münster) über den „Stellenwert der Digitalisierung bei der Erschließung und Benutzung von Amtsbüchern“. Er konstatierte ein Erschließungsproblem für Amtsbücher und führte dafür die Erschließungsspannbreite an. Während Tieferschließungen und Volleditionen nur schwer realisiert werden könnten, bemängelte er an flachen Erschließungen, dass diese für – onlinegestützte – Nutzerrecherchen nicht zielführend seien. Perspektiven der Archivgutdigitalisierung exemplifizierte Stumpf am Schmiesing’schen Lagerbuch für das Hochstift Osnabrück (1668). Eine Verlinkung der im bereits angelegten Index aufgeführten Personennamen mit den entsprechenden Digitalisaten des Lagerbuchs sei nicht aufwendig, erleichtere dem Nutzer aber den Zugriff. Den Mehrwert der Verknüpfung von Basiserschließung mit Digitalisaten werde das LWL-Archivamt für Westfalen im Rahmen der Pilotphase zur DFG-Förderlinie „Digitalisierung archivalischer Quellen“ anhand archivalischer Amtsbücher und vergleichbarer serieller Quellen erörtern.

Von den im Laufe des Workshops lebhaft geführten Diskussionen sind, abgesehen von Einzelfragen, besonders Fragen zur Erschließungstiefe hervorzuheben. Die Diskussionen bewegten sich in einem Spannungsfeld zwischen umfassenden quellen- und landeskundlichen Forschungsanforderungen an Amtsbuchdokumentationen und ?erschließungen einerseits und den eingeschränkten archivischen Erschließungs­kapazitäten andererseits. Im Vordergrund der Diskussionen standen der durch verbesserte Erschließung, Systematisierung und  Zugänglichkeit von Amtsbüchern erwartete Nutzen für die Forschung in Abwägung geeigneter als auch finanzierbarer Umsetzungsmöglichkeiten.