Neues aus der Hiko (157): Neue Blog-Beiträge zu Siegen und Soest in Mittelalter und Früher Neuzeit
30. September 2026
Im August und September sind auf unserem Wissenschaftsblog zu Westfalen-Lippe drei neue Beiträge erschienen. Historische Schlaglichter fallen diesmal auf den heutigen Regierungsbezirk Arnsberg in Mittelalter und Früher Neuzeit – auf Soest, Obermarsberg und Siegen.
Ein Gastbeitrag von Christian Brachthäuser, Leiter der Wissenschaftlichen Bibliothek zur Regionalgeschichte im Stadtarchiv Siegen, widmet sich politischen Bemühungen zum Tabakanbau im Fürstentum Nassau-Oranien Ende des 18. Jahrhunderts. Was für die Mittelgebirgsregion an der Sieg kurios klingen mag, erinnert in manchen Aspekten an aktuelle Legalisierungs-Debatten. Wie Brachthäuser aufzeigen kann wurden schon vor knapp 250 Jahren staatliche Eingriffe diskutiert, um einen nicht aufzuhaltenden Konsum zu legalisieren, dadurch aber auch reglementieren zu können. Es ging um die Beschränkung von Eigenanbau, um unterschiedlich beurteilte Folgen für Gesundheit und öffentliche Sicherheit. Zugleich dachte die nassau-oranische Obrigkeit an die wirtschaftspolitische Nutzbarmachung des Tabakrauchens, das ein wachsendes Gewerbe war, dessen Profiteure jedoch auswärtige Händler waren. Um dies zu ändern, musste vorab eine keineswegs triviale Frage geklärt werden: Versprachen die heimischen Anbaubedingungen überhaupt eine brauchbare Tabakernte?
Christian Brachthäuser: Vom Tabakanbau und einer Tabak-Schule in der Stadt Siegen im 18. Jahrhundert, abrufbar seit dem 7.8.2026 unter: https://hiko.hypotheses.org/9508
Alina Ostrowski von der Ruhr-Universität Bochum befasst sich in ihrem Beitrag mit dem „Klagebrief der Stadt Soest“, einer spätmittelalterlichen Quelle der Superlative. Form und Format des 1,80 Meter langen Textes von Mai 1444 entsprechen der Tragweite des Vorgangs: Eine westfälische Stadt unter kurkölnischer Herrschaft war im Begriff, sich einen neuen Landesherrn zu suchen – Auftakt der überregional bedeutsamen, bis 1449 wütenden Soester Fehde. Doch wie ließ sich ein so ungeheurer Schritt – die Lossagung vom rechtmäßigen Landesherrn – möglichst geschickt einleiten und vollziehen? In ihrem Dissertationsprojekt untersucht Alina Ostrowski Kommunikationsmittel und -strategien in den kölnisch-westfälischen Großfehden des 14. und 15. Jahrhunderts, die in wechselnden Konstellationen die Kölner Erzbischöfe und die westfälische Städtewelt involvierten. In einer Zeit wohlgemerkt vor dem Massenmedium Druck handelte es sich um ungemein öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzungen. Zu den Medien dieser „preprint“-Öffentlichkeit gehörte auch der Soester Klagebrief, der bei genauerer Betrachtung ebenso viele faszinierende Details wie Widersprüche preisgibt.
Alina Ostrowski: Propaganda in der Soester Fehde? Der Soester Klagebrief vom 4. Mai 1444, abrufbar seit dem 24.8.2026 unter: https://hiko.hypotheses.org/9657
Anlässlich der Verleihung des LWL-Wissenschaftspreises in der Kategorie „Nachwuchsforschung“ gibt schließlich der diesjährige Preisträger, Dr. Markus Lauert, einen Einblick in seine Forschungen. In seiner 2025 veröffentlichten Dissertationsschrift befasst er sich mit der Zeitgeschichtsschreibung im Dreißigjährigen Krieg am Beispiel des vielbändigen „Theatrum Europaeum“ des Verlegers Matthäus Merian. Damit wählt er eine medien- und historiografiegeschichtliche Perspektive, die nicht Kriegsereignisse in den Fokus rückt, sondern den Prozess der Ereignisbildung selbst. Ganz in diesem Sinne befragt der Blogartikel die – heute wenig bekannte – Eroberung des westfälischen Obermarsberg im Jahr 1646 auf ihren Ereignischarakter. Schon das gewählte Beispiel verdeutlicht: Ob einem Geschehen historischer Ereignisrang zukommt, hat wenig mit „überzeitlicher“ Relevanz zu tun. Es ist eine Frage der Perspektive, die zu unterschiedlichen Zeiten verschieden beantwortet werden kann. Für die frühe Geschichtsschreibung im und über den Dreißigjährigen Krieg bedeutete das: Wer konnte sich welcher konkreten Mittel bedienen, um die eigene Geschehensdeutung in eine größere Erzählung einzubetten und öffentlichkeitswirksam zu lancieren?
Markus Lauert: Ein historisches Ereignis? Die Eroberung Obermarsbergs im Dreißigjährigen Krieg, abrufbar seit dem 29.9.2026 unter: https://hiko.hypotheses.org/9972.
„Westfalen/Lippe – historisch“ ist seit 2021 der Blog der Historischen Kommission für Westfalen. Die mittlerweile über 60 Artikel bieten Einblicke in universitäre Forschungen, museale Ausstellungsprojekte oder die Arbeit der regionalen Geschichtsvereine. Wenn Sie selbst zu einem westfälisch-lippischen Thema schreiben möchten, wenden Sie sich bitte an: Paul-Simon.Ruhmann@lwl.org